Sir Nigel und seine Kleider
oder Der Geist der Savile Row in Wiesbaden
Wenn Sir Nigel seine Schneider und Schuhmacher rufen hieß, dann kamen diese nicht etwa durch den Dienstboteneingang, sondern trafen den Herrn des Hauses im Salon und wurden mit einem edlen Tropfen und einer guten Zigarre begrüßt. Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert hatte nobles Handwerk einen guten Leumund. Vornehme Herren schätzten die Passgenauigkeit handgefertigter Anzüge, Hemden und Schuhe.
Eine Wiesbadener Firma verkörpert diesen individuellen Charakter britischer Kleidungskultur heute im Großraum Rhein Main.
„Wir möchten den modebewussten Gentleman von Kopf bis Fuß einkleiden", erklärt Stephan C. Görner selbstbewusst. Der 34jährige ist Wiesbadener Repräsentant des britischen Maßkonfektionärs Harper & Fields. Gemeinsam mit seinem Partner, dem Maß-Schuhmacher Ibrahim Demir, offeriert er seinen anspruchsvollen die gesamte Palette maßgefertigter Kleidung. „Wir legen großen Wert auf individuelle Beratung und optimale Passform. Weit ab von hektischer Massenabfertigung", untermauert der aus der Türkei stammende Maß-Schuhmacher das Geschäftskonzept.
Dabei nutzen die beiden Modepaten ihre Synergien.
Stephan C. Görner bedient seine Kunden im bequemen Home- und Officeservice mit maßgefertigten Anzügen und Hemden. Ibrahim Demir fertigt edle Maßschuhe vom Leisten in seinem Atelier.
Der passionierte Zigarrenliebhaber Görner, der zugleich Präsident des örtlichen Cigar Cult Club ist, erklärt sein Konzept: „Unsere zeitlich eingespannte Klientel wird am Ort ihrer Wahl und zur Zeit ihrer Wahl besucht. Teilweise sprichwörtlich zwischen Tür und Angel, auf Flughäfen, im Golfclub oder zwischen Meetings. Diese hat weder Zeit noch Lust auf ausgiebige Shoppingtouren. Außerdem bin ich nicht auf einen Standort fixiert." So bedient er neben der hessischen Landeshauptstadt auch zahlreiche Kunden in der Finanzmetropole Luxemburg und auf der deutschen Promiinsel Sylt.
Ein solcher Kundenbesuch dauert in der Regel eine Stunde. In dieser Zeit berät der Maßkonfektionär Görner seine Kunden bei der Auswahl aus hunderten Stoffen und Schnitten. Ob Einreiher oder Zweireiher, Rückenschlitz, Seitenschlitz, steigendes Facon oder Lederknöpfe. Im Prinzip ist fast alles möglich. Im Angebot hat er ausschließlich Tücher namhafter Webereien wie Cerruti, Scabal, Thomas, Tolegno oder Loro Piana. Ganz neu sind die edlen Tücher von Holland & Sherry, welche Görner direkt im Maßmekka Savile Row in London ordert.
Im Anschluss werden die Körpermasse genommen. Dies beansprucht nochmals eine viertel Stunde. Nach 3 Wochen kann sich der Kunde auf die erste Anprobe freuen.
Preislich liegt ein maßkonfektionierter Anzug auf dem gleichen Niveau wie ein höherwertiger Anzug von der Stange. Wobei nach oben preislich fast keine Grenzen gesetzt sind. Stoffe in der Qualität Super 200 (ein Gramm Faden ist dann unglaubliche 200 Meter lang) sind etwas Seltenes und Besonderes. In der Qualität „Gold Treasure" beispielsweise ist ein Faden aus 750/000 Gold eingewebt, der „Diamond Chip" besitzt Fragmente von Diamanten. Der Maßanzug wird zur Kapitalanlage. Die Verfügbarkeit solcher Tuche ist jedoch eingeschränkt und ähnlich wie Gold werden diese teilweise zu Tagespreisen angeboten.
Natürlich offeriert Görner auch Anzüge für den durchschnittlichen Geldbeutel. So beginnen seine Super 100 Qualitäten bei 550 Euro für einen zweiteiligen Anzug und sind somit für eine breitere Klientel erschwinglich.
Text / Privat
Fotos : Nino Munoz
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